Familie Kästel (Familienzweig Jakob Peter Kästel und Sohn Jakob)

Norbert Kästel

 

Familiäre Verbindungen über den Rhein nach Mingolsheim

 

Der Rhein war über Jahrhunderte, obwohl es keine Brücken darüber gab, kein Hindernis für Beziehungen zwischen den Menschen, die rechts und links des Flusses lebten. Das galt auch für die Bewohner des linksrheinisch gelegenen Ortes Geinsheim. In den Bereichen der Verwaltung, der Kirche, der Wirtschaft und des privaten Lebens wurden immer wieder Beziehungen über den Rhein hinweg hergestellt und gepflegt. Da sich die Herrschaftsbereiche der Kurpfalz und des Hochstifts Speyer zu beiden Seiten des Rheines erstreckten, waren in der Verwaltung Verbindungen unumgänglich. Seit dem 16. Jahrhundert pilgerten auf Anordnung der Herrschaft die gehfähigen Geinsheimer alljährlich an Pfingsten über den Rhein zum Wallfahrtsort Waghäusel. Mehrere aus Geinsheim stammende Priester waren Pfarrer in rechtsrheinischen Orten, so u. a. Johann Adam Mohr (1722-1760) in Knaudenheim bzw. Huttenheim, Johann Adam Muth (1734-1809) in Zeutern und Peter Heinrich Seithel u. a. in Bruchsal und Zeutern. Umgekehrt stammte der Geinsheimer Pfarrer Georg Casimir Zickler (1737-1759) aus Bruchsal.

Der klassizistische Altar im alten Chor der Geinsheimer Kirche und das Kuzifix in der Geitherstraße wurden 1815 bzw. 1817 von dem Bruchsaler Bildhauer Joseph Sass geschaffen. Immer wieder gab es auch familiäre Verbindungen von Geinsheim ins überrheinische Gebiet. So heiratete der Geinsheimer Ambrosius Schaaf (geb. 1748) im Jahr 1782 die aus Mingolsheim stammende Ursula Apollonia Ederle. Aus Rheinhausen stammte Maria Elisabeth Hambsch (1766-1795), die erste Ehefrau des Johann Jakob Kästel (geb. 1767, verh. 1793). Im Jahr 1826 heiratete der aus Rheinhausen stammende Johannes Linnenfelser (1802-1856) in Geinsheim Anna Barbara Schilling (1801-1869) und wurde hier ansässig. Eine ganz intensive, heute noch andauernde familiäre Verbindung über den Rhein begründeten Franz Simon Kerlé und seine Tochter Barbara.

Franz Simon Kerlé kam am 27. Oktober 1797 in dem rechtsrheinischen Mingolsheim zur Welt. Wie sein Vater übte er den Beruf des Maurers aus. Man kann annehmen, dass der junge Handwerker auf der Suche nach Arbeit ins linksrheinische Lachen kam. Hier heiratete er am 16. August 1824 Eleonore Krauß. Das in Lachen ansässige Ehepaar hatte neun Kinder, das vierte davon war das Mädchen Barbara, geboren am 9. Juli 1827.

Barbara Kerlé heiratete am 2. Juni 1853 in ihrem Geburtsort Lachen den 12 Jahre älteren Witwer Christian Sauter. Dieser stammte aus einer alten in Lachen und Speyerdorf ansässigen Familie, war aber 1815 in Bruck bei Fürstenfeld, dem Heimatort seiner Mutter, geboren. Sein Vater war in Speyerdorf  Weinwirt, Krämer und Spezereiwarenhändler, Tätigkeiten die auch der Sohn Christian neben der Landwirtschaft ausübte.,

Christian Sauter war in erster Ehe mit der aus Hanhofen stammenden Katharina Barbara Gros verheiratet. Seine Frau war aber 1852, nur wenige Tage nach der Geburt des Sohnes Heinrich verstorben. Nach 19-jähriger kinderloser Ehe mit Barbara geb. Kerlé starb Christian Sauter am 27. Mai 1872 in Speyerdorf. Seine Witwe heiratete sieben Jahre später in Geinsheim den Jakob Kästel.

Jakob Kästel, geb. am 21. November 1840 in Geinsheim, war in erster Ehe mit Barbara Weber, geb. am 27. September 1838, verheiratet. Das Ehepaar bekam sechs Kinder: Katharina (geb. 1865), Jakob (geb. 1866), Adam (geb. 1867-93), Barbara (geb. 1869, Johannes (geb. 1870) und Anna (geb. 1874). Die Kinder wurden Halbwaisen, als am 12. März 1876 Barbara Kästel geb. Weber starb.

Der 39-jährige Witwer Jakob Kästel heiratete am  1. September 1879 in Geinsheim die 52-jährige Witwe Barbara Sauter geb. Kerlé. Jakob Kästel betrieb neben der Landwirtschaft einen Handel mit landwirtschaftlichen Produkten, die er in Neustadt verkaufte. Es ist anzunehmen, dass sich Jakob und Barbara bei ihren Geschäften in Neustadt kennengelernt hatten, denn auch die Witwe Sauter handelte - wie früher mit ihrem Ehemann - mit Erzeugnissen aus der Landwirtschaft.

In dem an der Ecke von Unterdorfgasse und Hintergasse in Geinsheim gelegenen Haus (heute Gäustraße Nr. 49) betrieb Jakob Kästel mit seine Frau Barbara weiterhin ein Kolonialwaren- bzw. Spezereiwarengeschäft. Auch der Handel mit Produkten aus der Landwirtschaft wurde weitergeführt.

 

 

Das Haus von Jakob und Barbara Kästel, von „Sauters“ (ganz links).

 

Die „Sauter-Bas“, wie Barbara gemeinhin in Geinsheim liebevoll genannt wurde, hatte offenbar bald das Vertrauen der Mitbewohner gewonnen. Vor allem aber muss sie eine gute Familienmutter geworden sein; nach ihr erhielt nämlich die ganze Familie des Jakob Kästel den Übernamen „Sauter“. Die Kinder ihres Mannes und deren in Geinsheim verbliebenen Nachkommen waren schließlich nur noch mit dem von ihr stammenden Namen „Sauter“ bekannt, so „Sauter-Jakob“, „Sauter-Hannes“, „Sauter-Andres“, „Sauter-Adam“, „Sauter-Anna“, „Sauter-Otto“ u. a..

Die „Sauter-Bas“ Barbara pflegte offenbar die Verbindung nach Mingolsheim, dem Geburtsort ihres Vaters Franz Simon Kerlé. Nur so ist zu erklären, dass „ihre (Stief)-Kinder“ Jakob und Johannes in Mingolsheim ihre Ehepartner fanden:

-      Jakob Kästel Junior, der „Sauter-Jakob“, heiratete am 4. Juli 1889 die aus Mingolsheim stammende Anna Klee. Das Ehepaar blieb in dem badischen Ort und betrieb Landwirtschaft. Hier wurden ihnen die Kinder Karl (geb. 1889), Andreas (geb. 1890), Karoline Sophie (geb. 1892) und Elise (geb. 1896) geboren. Nach dem Tod der Ehefrau Anna im Jahr 1899 heiratete Jakob Kästel 1900 in zweiter Ehe die ebenfalls aus Mingolsheim stammende Amalie Walter. Das Ehepaar bekam sieben Kinder: Rudolf (geb. 1901), Anna (geb. 1902), Josef (geb. 1904), Franz (geb. 1906), Adam (geb. 1908), Friedrich (geb. 1910) und Paula (geb. 1913). Durch Jakob Kästel und seine zahlreichen Nachkommen ist Mingolsheim zu einem richtigen „Kästel-Nest“ geworden. Zwei Töchter des Jakob Kästel aus Mingolsheim kamen aber durch ihre Heirat in die Pfalz, in die Heimat ihres Vaters zurück:

-      Karoline Sophie Kästel (geb. 1892) heiratete 1912 in Geinsheim Michael Weber. Das Ehepaar lebte mit seinen Kindern Franz, Karl und Zita (verh. mit Josef Linnenfelser) in Geinsheim.

-      Anna Kästel (geb. 1902) heiratete 1928 den Schuster Philipp Schmitt aus Duttweiler, wo das Ehepaar mit den Söhnen Karl und Hermann lebte.

 

Familie des Jakob Kästel mit 2. Ehefrau Amalie in Mingolsheim, um 1918 (v. l.): Söhne Karl, Rudolf, Josef, Franz, Mutter Amalie, Vater Jakob, Töchter Elise und Anna; davor: die Kinder Adam, Paula und Fritz.

 

-      Johannes Kästel, der „Sauter-Hannes“, heiratete am 19. April 1987 in Mingolsheim die dort geboren Maria Theresia Sieber. Das Ehepaar lebte in Geinsheim, wo es 1910 das bisherige Haus in der Duttweilerstraße verkaufte und das väterliche Anwesen übernahm. Marie Kästel lag eine enge Verbindung zu ihrem Geburtsort Mingolsheim sehr am Herzen, zu ihren Eltern, aber auch zu ihren Schwestern Berta und Rosa sowie deren Nachkommen. Gegenseitige Besuche waren gang und gäbe und finden bei Gelegenheit heute immer noch statt.

 

Familie des Johannes Kästel in Geinsheim, 1922 (v. l.): vorne: Tochter Stephanie, Sohn Johannes, Mutter Marie, geb. Sieber, Vater Johannes, "Sauter-Hannes", Großvater Jakob, Tochter Anna; hinten: die Söhne Adam, Friedrich, Andreas und Otto.

 

Die „Sauter-Bas“ Barbara starb am 19. März 1906, ihr Mann Jakob Kästel am 3. Mai 1923. Bis auf den heutigen Tag werden die von Franz Simon Kerlé und vor allem von seiner Tochter Barbara begründeten familiären Beziehungen zwischen dem badischen Ort Mingolsheim (heute Ortsteil von Bad Schönborn) und den pfälzischen Orten Geinsheim und Duttweiler (mittlerweile nach Neustadt eingemeindet) immer noch gepflegt.

 

Besuch aus Mingolsheim bei Verwandten in Geinsheim, November 2013 (v. l.): Renate Bender, Brigitte Frank, Horst Appel, Norbert Kästel, Marianne u. Rudi Horix.